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Geduld ist eine Tugend

Dr. Jos Schnurer

22.05.2020

Zur anthropologischen Bedeutung einer Tugend, die für viele Menschen derzeit eine besondere Rolle spielt.

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In der anthropologischen Ethik, Grundlage des Denkens und Handelns, werden gute, erstrebenswerte und ausgewiesene Tugenden benannt, die Erwartungen ausdrücken, dass der anthrôpos, der Mensch, sich seiner Fähigkeit bewusst wird, dass er ein mit Vernunft ausgestattetes, zur Bildung von Allgemeinurteilen begabtes und zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähiges Lebewesen ist. Aristoteles unterteilte aretê (ἀρετή), die Bestheit und Vortrefflichkeit des menschlichen Seins, in dianoetische und ethische Tugenden.

Während die einen sich auf das verstandesgemäße Denken und Handeln beziehen, sind die anderen die Charaktereigenschaften, die dieses Denken und Handeln bestimmen und im jeweiligen, existentiellen und kulturellen Kontext erworben werden. Beide Tugendformen sind für ein gutes, gelingendes Leben bedeutsam und unterliegen keiner Wertungsskala. Freilich: Fehlen die aretê anthrôpinê, die für den Menschen charakteristischen Tugenden, oder werden sie vernachlässigt, wird der anthrôpos „zum gottlosesten und wildesten aller Wesen“[i]. Es sind die Vergewisserungen, die den Menschen in seinem weltlichen und erdbewussten Dasein[ii] nach dem „Wer bin ich?“ fragen lassen. Hilfreich dazu ist die kantische Aufforderung „Sapere aude!“, nämlich Intellekt, Mut und Lebenskraft zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen! Es sind die Aufforderungen, selbst zu denken! Und es ist die Kompetenz, sich der positiven und negativen Verflechtungen bewusst zu sein, die auf den verschlungenen Wegen der sprachlichen, gewordenen und gesetzten Kommunikation zu finden sind![iii] 

Synonyme und antonyme Bedeutung

„Die sprachliche Darstellung der Welt ist kein Selbstzweck, sondern dient maßgeblich der Kommunikation“[iv]. Die Tugend „Geduld“ wird im individuellen und kollektiven Austausch mit zahlreichen, ähnlichen oder gegensätzlichen Begriffen belegt, wie z. B.: Abwarten, Ausdauer, Beharrlichkeit, Beständigkeit, Hartnäckigkeit, Kondition, Langmut, Nachsicht, Unbeirrbarkeit, Verbissenheit, Zähigkeit. Das Sprichwort: „Abwarten und Tee trinken!“ will ausdrücken, dass ein Nachdenken und eine ausdrückliche Reflexion hilfreich und nützlich sein kann, um eine Situation zu verstehen, zu klären und zu lösen. Eng verwandt und synonym zu verwenden sind deshalb Begriffe wie: Gelassenheit, Standfestigkeit, Optimismus. Nicht von Ungefähr verbinden sich mit geduldigen Einstellungen und Verhaltensweisen hoffnungsvolle, religiöse Gegenwarts- und Zukunftserwartungen; etwa, wenn Paulus die Galater mahnt: „Die ‚Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Beherrschung“[v]; wie auch im Islam, denn „Allah ist mit den Geduldigen“[vi]; im „Weg der Mitte“, wie er im Buddhismus als „edler Pfad der Erleuchtung“ zum Ausdruck kommt, führt hin zur Erkenntnis und Erfahrung: „Weisheit ist der beste Führer, und Vertrauen ist der beste Gefährte“[vii]; und die Widerstände, die der Hinduismus gegen das selbstzentrierte, materialistische Ego des Menschen entwickelt[viii]. Mit dem Betriff „Nachhaltigkeit“ werden die Notwendigkeiten hervorgehoben, dass die Menschheit sich in ihrem Denken und Tun weg vom „business as usual“ und hin zu einer tragfähigen Entwicklung bewegt und so eine menschenwürdige, gerechte, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Existenz möglich macht[ix]. Dass dies nur mit den intellektuellen, anthropologischen Mitteln von Bildung und Aufklärung zu erreichen ist, darauf wird immer wieder hingewiesen und dazu aufgefordert[x].  Weil Tugenden weder vom Himmel fallen, noch per Ordre du Mufti erlassen werden dürfen, auch nicht in den Genen liegen, bedarf es eines humanen Rechts- und Demokratiebewusstseins, um sie im individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Leben zu etablieren[xi]. Es ist der philosophische Wertediskurs, der       sich mit dem Formen von Gleichbedeutung und Gegensatz von Begriffen und Phänomenen auseinandersetzt, die Begriffspaare intrinsisch vs. extrinsisch, final vs. instrumentell, real / ideal, objektiv / subjektiv, absolut – relativ, substanzial – relational zu-, gegenordnet und Taxonomien anbietet[xii]

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist eine Tugend, die Fähigkeit, „bewusst hinzusehen oder hinzuhören, anstatt andere zu übersehen oder einfach wegzuhören“. Es ist die Erfahrung mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Welt. Die anthropologische Betrachtung des Phänomens besagt, dass zwar auch Tiere aufmerksam sein können; aber der humanen Aufmerksamkeit kommt eine weitergehende Bedeutung zu: Aufmerksamkeit ist Geschehen, Zustand und Disposition. Sie ist auf etwas gerichtet und eingebunden in die menschliche Urfrage nach dem Sein. Aufmerksamkeit also gründet auf aktive und passive Denk- und Verhaltensweisen, sie bildet sich sowohl im menschlichen Bewusstsein, als auch im Unbewussten, und sie äußert sich im individuellen und kollektiven Denken und Tun. Wir reden von geweckter und gelenkter Aufmerksamkeit, von Sinneswahrnehmungen, von Aufmerksamkeitsdefiziten, gezielten Aufmerksamkeitsbarrieren und Fake News[xiii].

Freundschaft oder Feindschaft

Geduld üben, im Sinne der humanen, menschenwürdigen Zuwendung, braucht Empathie, und zwar nicht die abwesende, distanzierte und unverbindliche Haltung – „Ich hab‘ ja nichts gegen dich!“ – sondern die aktive, verantwortungsbewusste Einstellung und des Bewusstseins von der gleichwertigen und gleichberechtigten Vielfalt der Menschheit[xiv]. Die Frage, ist der Mensch des Menschen Freund oder Feind, gehört zu den immerwährenden Herausforderungen der Menschheit. In der Entwicklung des homo sapiens sapiens hat es immer empathische und ekpathische Zustände gegeben – und sie gibt es weiterhin![xv]. Weil Feindschaft entzweit, zerstört und unmenschlich macht, braucht es Freundschaft, die verbindet und ein Bewusstsein von der allgemeingültigen, nicht relativierbaren Würde des Menschen schafft, wie dies in der Menschenrechtsdeklaration zum Ausdruck kommt. Nehmen wir den Begriff „Freundschaft“, wie er uns aus der antiken griechischen und römischen Philosophie als philia (φιλíα) und amicitia überliefert ist. Wo sich Freundschaften bilden, entstehen mehr als Bekanntschaften. Es entwickeln sich Werte, die das menschliche Miteinander und Zusammengehörigkeitsgefühl bestimmen. Es sind Einstellungen und Erfahrungen wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Achtung, Respekt, Toleranz, Empathie. Freundschaft bewährt sich im alltäglichen und im gemeinschaftlichen Leben, weil echte Freundschaft nicht nur Harmonie stiftet, sondern auch Konflikte aushält; weil Freundschaft Brücke ist und Geländer.

Die ganz unterschiedlich prononcierten Ausführungen über die Bedeutung von Freundschaften im individuellen Leben und im kollektiven Zusammenleben der Menschen vermitteln Aspekte, die sowohl in historischen Zusammenhängen, als auch sozial und kulturell aktuell zu bedenken sind. Es sind Erinnerungsstücke, Aha-Erlebnisse und Hau-Rucks, die verdeutlichen, dass ein freundschaftliches, soziales und humanes Miteinander das Wohlbefinden der Menschheit befördert. Es sind (eigentlich) selbstverständliche Vormerkungen, wie etwa die Erkenntnis, dass Freundschaft mit anderen Menschen das „Mit-sich-selbst-befreundet-Sein“ voraussetzt. Es sind die in kulturellen Prozessen übermittelten und in interkulturellen Erfahrungen erworbenen Phänomene, die Wertmarkierungen erzeugen, wie etwa die Begriffe „Treue“, „Kameradschaft“ und „Vielfalt“; und die gleichzeitig notwendig machen, sie auch dem Wertewandel zu unterziehen.

Wenn Pierre Bourdieu Freundschaft als „Sozialkapital“ benennt, wird erkennbar, dass „Freundschaft kein modisches Phänomen ist, sondern ein konstituierendes Merkmal für gelungenes, gesellschaftliches Zusammenleben“. „Sage mir, mit wem du Freund bist, und ich sage dir, wer du bist“; diese leicht umgewandelte Goethesche Charakterbeschreibung will ja ausdrücken, dass das Entstehen und Erhalten von Freundschaften eine anspruchsvolle Herausforderung darstellt. Die Aussage: „Ich habe tausend Freunde!“, etwa im Zusammenhang mit der Facebook-Nutzung und der scheinbaren „Allzeit-Bereit-Einstellung“ in der virtuellen Welt, ist sicherlich kein probates Mittel, um Freundschaften zu schaffen und zu erhalten. Das Nachdenken über Freundschaft ist aber auch keine nostalgische Nachschau über überkommene und überholte Wertvorstellungen. Die Virtualisierung und Globalisierung der Welt bietet vielfältige, neue Formen, um Freundschaften zu schließen. Was über die Zeiten und Entwicklungen hin Bestand hat ist die Erkenntnis: „Freundschaft ist eine besondere Beziehung“. Sie erfordert Verpflichtung und Verantwortung. Das ist ein Ruf, der in den Zeiten der Unsicherheiten und des Momentanismus, des Ego- und Ethnozentrismus, des Rassismus und Populismus dringend gefragt ist[xvi].

Fazit

Geduldig sein heißt wach sein für Menschlichkeit! Die Tugend entsteht nicht im abgeschlossenen, egoistischen und ethnozentristischen Kämmerlein, sondern im humanen Miteinander. Es ist das Wagnis und das Abenteuer des lokalen und globalen Eintretens für Wahrheiten und Wirklichkeiten. Dazu ist es wichtig und notwendig, den Menschen aufs Maul zu schauen[xvii], und im Dialog Geduld und Duldsamkeit einzuüben!



[i] Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 76

[ii] Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php

[iii] Reimer Gronemeyer, Tugend. Über das, was uns Halt gibt, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25272.php 

[iv] Andreas Gardt, Was ist eigentlich ein Synonym? In: Das Synonymwörterbuch, Duden, Band 8, 2010, S.  19ff

[v] „Große Lutherbibel“, Deutsche Bibelstiftung, Stuttgart 1979, S. 246

[vi] Sure 2 / 153

[vii] Bukkyo Dendo Kyokai, Die Lehre Buddhas, 2004, S. 192

[viii] A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, Zweiter Canto – Die kosmische Manifestation, 1984, S. 218ff

[ix] Der Brundtland-Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“, 1987; Petra C. Gruber, Hrsg., Nachhaltige Entwicklung und Global Governance. Verantwortung. Macht. Politik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/5854.php

[x] Max Fuchs, Das gute Leben in einer wohlgeordneten Gesellschaft. Bildung zwischen Kultur und Politik, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26614.php  

[xi] Stefan Groth, u.a., Ordnung in Alltag und Gesellschaft. Empirisch kulturwissenschaftliche Perspektiven, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25405.php

[xii] Hermann Krobath, Werte. Elemente einer philosophischen Systematik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24791.php

[xiii] Jörn Müller, u.a., Hrsg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php

[xiv] Kurt Edler, Demokratische Resilienz auf den Punkt gebracht, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23304.php

[xv] Joseph-Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23618.php

[xvi] Dieter Korczak, Hrsg., Freundschaft. Von Aristoteles bis Facebook, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/26310.php

[xvii] Jim Holt, Als Einstein und Gödel spazieren gingen. Ausflüge an den Rand des Denkens, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26803.php

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Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau, Reinhild Schäfer (Hrsg.): Frauen und Armut - feministische Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 474 Seiten. ISBN 978-3-8474-2203-7.
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