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Perfekt kann nur eine Maschine oder eine Illusion sein

Dr. Jos Schnurer

15.01.2020

Ein perfektes Dasein ist unmenschlich. Das Streben nach Vollkommenheit, Makellosigkeit, Fehlerlosigkeit, Unübertrefflichkeit, Vollständigkeit… ist zwang- und krankhaft; weil der Mensch ein unfertiges, labiles, aber gleichzeitig nach Stabilität strebendes, anthropologisches Lebewesen ist, gerät er leicht in die Falle der Illusion nach Perfektion.

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Ein perfektes Dasein ist unmenschlich. Das Streben nach Vollkommenheit, Makellosigkeit, Fehlerlosigkeit, Unübertrefflichkeit, Vollständigkeit… ist zwang- und krankhaft; weil der Mensch ein unfertiges, labiles, aber gleichzeitig nach Stabilität strebendes, anthropologisches Lebewesen ist[i], gerät er leicht in die Falle der Illusion nach Perfektion[ii].

Im (existenz-)philosophischen Denken darüber, wie es gelingen könne, dem humanen Idealbild nach einem guten, gelingenden Leben gerecht werden und nahe kommen zu können, gibt es vielfältige Versuche, eine Balance zwischen dem Vollkommenen und dem Nichts zu finden. Arthur Schopenhauer etwa kommt dabei bei seiner Suche nach dem Endgültigen Eigenen  zu dem Schluss, dass es besser wäre, dass nichts entstünde (1819 / 1844 / 1859). Es ist die absurde wie gleichzeitig anregende Frage: „Gibt es Alles oder Nichts?“[iii], die individuelle und kollektive Zuversicht und Ängste erzeugt[iv], und es sind xenophobe Einstellungen, die das eigene Denken und Handeln beeinflussen[v].

Bluff-Menschen

Die scheinbar ausweglose, ego- und ethnozentrierte Welt bringt immer wieder Ideologien hervor, die nur so strotzen vor dem Herausposaunen von Selbst- und Macht-Inszenierungen und Manipulationen, und die mit ihren Populismen und Fake News weltweit Follower finden[vi]. Dort, wo böses Sehen, Hören, Denken und Handeln das Dasein von Menschen bestimmen[vii], kommt es darauf an, Widerstand zu leisten. Es geht um Fragen, welche Wertvorstellungen und –maßstäbe einem humanen Leben zugrunde liegen[viii] und welche Tugenden gelebt werden sollen[ix]. Es braucht Selbst-, Identitätsbewusstsein und die Fähigkeit und Möglichkeit zur Ausübung des freien Willens[x]. Diese Kompetenzen müssen basieren auf grundlegend zwei Einsichten: Da ist zum einen die Erkenntnis über die verschiedenen Formen und Wirkungen der eigenen Persönlichkeitsentwicklung[xi], zum anderen ist es das Wissen darüber, wie Einflüsse von anderen Menschen und Dingen das eigene Leben bestimmen[xii].

Die Kraft der Hoffnung

Nur allzu leicht geraten Menschen angesichts der scheinbaren Ausweglosigkeiten und negativen, lebensweltlichen Entwicklungen, der Undurchschaubarkeiten und manipulativen Machtverhältnisse in Panik, die sich entweder in passiven, sogar fatalistischen Einstellungen ausdrückt – „Da kann man sowieso nichts machen!“ – oder sie laufen, wie die Rattenfänger von Hameln, Ideologen und Populisten nach. Dagegen hilft nur, Ich- und Weltzuversicht zu entwickeln und zu leben[xiii]. Anlässe und Anregungen dazu gibt es genug. Da ist die Auseinandersetzung damit, was den individuellen und gesellschaftlichen Egoismen und Egozentrismen entgegengesetzt werden kann[xiv]. Da gilt es, den Signalen des Momentanismus und den Einstellungen – „Ich will alles, und das sofort!“ – wahre und echte Lebenswerte und –einstellungen entgegen zu stellen, wie: Gelassenheit, Bedenklichkeit, Für- und Vorsorge, Nachhaltigkeit, Verantwortlichkeit, Aufmerksamkeit, Zufriedenheit, Solidarität und Empathie[xv]. Das kann freilich nicht bedeuten, kritische Einstellungen zu vernachlässigen, sondern sich um eine intellektuelle Denk- und Debattenkultur zu bemühen[xvi].

Ethik als Lebenslehre

Es ist die „globale Ethik“, die in der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen (1948) auf das Postulat verweist, dass  „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt  bildet“. Die Wege dahin sind vielfältig aber eindeutig, weil vernunftbestimmt[xvii]. Sie ist anthropologisch und / oder mundan, denn sie basiert darauf, dass der Mensch als erdbewusstes, geistiges Lebewesen existiert[xviii].  

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“

Die liebenswerte Methapher, die  Antoine de Saint Exupéry den kleinen Prinzen sagen lässt, drückt ja aus, dass es beim humanen, friedlichen, gerechten und würdigen Zusammenleben der Menschen entscheidend darauf ankommt, die Gefühle und Empfindungen zu entwickeln und zu leben. Es sind „Bewegungen der Seele“, die sich körperlich als positive, emotionale und rationale Lebensäußerungen ausdrücken. Die Wissenschaft der menschlichen Berührungen ist demnach einerseits Bestandteil des philosophischen und psychologischen Denkens und des emotionalen Umgangs der Menschen miteinander, wie dies in der analytischen Psychologie von C. G. Jung im Zusammenhang von Denken – Empfinden – Fühlen – Intuition mit der Erkenntnis zum Ausdruck kommt: „Was uns nicht berührt, das verwandelt uns nicht!“. Andererseits wird in der Neurologie und in den Neurowissenschaften der Bedeutung des Berührens eine neue Aufmerksamkeit gewidmet. So haben Kognitions- und Neurowissenschaftler festgestellt, dass die Gehirnschwingungen, die durch den Tastsinn erzeugt werden, im Frontallappen Empfindungen bewirken, die entweder als „Streicheleinheiten“ positive, oder als gewaltsames Zupacken negative Reaktionen erzeugen. Als „Human Touch“ werden sanfte, streichelnde Berührungen bezeichnet, die als positive taktile Sinnesreize im Gehirn wirken[xix].

Fazit

Perfektion, als durchaus technischer, notwendiger Zustand, kann kein erstrebenswertes Kriterium für ein humanes, individuelles und lokal- und globalgesellschaftliches Dasein der Menschen sein. Der anthrôpos ist ein fehlerbehaftetes, unvollständiges Lebewesen, das aus Misserfolg lernen und sich zu einem menschenwürdigen Leben entwickeln kann.



[i] Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php

[ii] Raphael M. Bonelli, Wenn das Soll zum Muss wird, 2014, 336 S.

[iii] Jim Holt, Gibt es alles oder nichts? Eine philosophische Detektivgeschichte, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17222.php

[iv] Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18499.php;

[v] Erhard Oeser: Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21874.php

[vi] Manfred Prisching, Bluff-Menschen. Selbstinszenierungen in der Spätmoderne, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/

[vii] Bettina Stangneth, Hässliches Sehen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25303.php; dies., Böses Denken, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/23593.php

[viii] Hermann T. Krobath, Werte. Elemente einer philosophischen Systematik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24791.php

[ix] Reimer Groenemeyer, Tugend. Über das, was uns Halt gibt, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25272.php

[x] Joachim Bauer, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18891.php

[xi] Johannes Schwarte, Die Plastizität des Menschen. Ergebnisoffenheit und Beeinflussbarkeit der Persönlichkeitsentwicklung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20282.php

[xii] Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php

[xiii] Heribert Prantl, Die Kraft der Hoffnung. Denkanstöße in schwierigen Zeiten, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24119.php  

[xiv] Elisabeth von Thadden, Die berührungslose Gesellschaft, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25766.php

[xv] Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25302.php

[xvi] Wolfram Malte Fues, Zweifel, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25265.php

[xvii] Winfried U. Radel, Verhaltens-Kybernetik, das ist Ethik. Die Pragmatische Ethik. Für mehr Gemeinwohl & Wert-Schöpfung, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26312.php 

[xviii] Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php

[xix] Rebecca Böhme, Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25261.php

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Hannah Sophie Stiehm: Was ist "Erfolg" in der Sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2019. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-3210-5.
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